Warum auf Klimagipfeln über das völlig Falsche verhandelt wird

Seit zwei Wochen sitzen in Paris die Vertreter aus 195 Staaten zusammen und verhandeln über ein internationales Klimaschutzabkommen. Die letzten UN-Klimagipfel endeten regelmäßig mit einer großen Enttäuschung: Jedes Mal war es unmöglich, ein bindendes und für möglichst viele Länder geltendes Abkommen zu schließen, mit dem der Klimawandel begrenzt werden könnte. Wird in Paris nun alles anders? Nein, sagen drei Ökonomen. Auch der aktuelle Klimagipfel wird am Ende mit einer Enttäuschung enden, sagen sie voraus. Denn internationale Klimaverhandlungen seien in ihrer aktuellen Form zum Scheitern verurteilt, schreiben sie in einem aktuellen Beitrag in der Zeitschrift „Nature“. Der Grund: Man verhandele über das völlig Falsche.

Bisher wird bei Klimagipfel vor allem über Einsparziele für das Treibhausgas Kohlendioxid verhandelt. Das erscheint auf den ersten Blick einleuchtend: Um das 2-Grad-Ziel zu erreichen, müssen die CO2-Emissionen sinken. Doch die drei Ökonomen um Axel Ockenfels von der Universität Köln schlagen vor, dass man die Klimaverhandlungen komplett umgestaltet: Statt über Einsparziele zu verhandeln, sollte man versuchen, sich auf einen globalen Preis zu einigen, der bei CO2-Emissionen fällig wird. Wenn alle Länder diesen Preis umsetzen würden, müssten Kohlekraftwerke oder Aluminiumwerke überall auf der Welt den gleichen Betrag pro Tonne CO2 bezahlen und hätten damit einen starken Anreiz, in klimaschonende Technologie zu investieren.

Vor allem aber hätte ein CO2-Preis aus verhandlungstechnischer Sicht mehrere Vorteile, so die Ökonomen. Anders als bei Einsparzielen, ist es hier möglich, eine Lösung zu finden, die für alle Länder gleichermaßen gilt. Das verringert eines der größten Problem bei internationalen Verhandlungen: das Trittbrettfahrer-Problem.

Das Problem des Trittbrettfahrens, auf Englisch „free riding“, ist eines der klassischen Konzepte der Spieltheorie. Es beschreibt eine Situation, in der es eine gemeinsame, frei zugängliche Ressource gibt, von der alle profitieren, für die aber keiner zahlen will. Weil niemand von der Benutzung ausgeschlossen werden kann, versucht jeder, sich um seinen Beitrag zu drücken und hofft, dass die anderen schon zahlen werden. Weil im Extremfall alle so denken, zahlt am Ende aber niemand mehr seinen Beitrag. Genau das ist in den vergangenen Jahren bei Klimagipfeln regelmäßig passiert.

Weil bei einem CO2-Preis alle Teilnehmer des Abkommens genau sehen können, wer mitmacht und wer nicht, sei das Trittbrettfahrer-Problem dabei deutlich kleiner, argumentierten die Ökonomen. Bei individuellen Einsparzielen, die auf komplexen Formeln beruhen, sei es schwer zu sagen, ob ein Land tatsächlich die CO2-Emissionen reduzieren will oder den eigenen Beitrag künstlich hochrechnet. „Paris setzt auf hunderte, selbstdefinierte und unvergleichbare Pläne der Staaten“, sagt Axel Ockenfels. „So schafft man vielleicht Misstrauen, aber keine Kooperation.“

Verbinden könnte man den CO2-Preis mit dem bereits beim Klimagipfel 2010 in Cancun beschlossenen Klimafonds, schlagen die Ökonomen vor. Der Fonds könnte zum Beispiel eingesetzt werden, um möglichst vielen Schwellen- und Entwicklungsländern einen Anreiz zu geben, bei dem globalen Preissystem mitzumachen. Nur wer den CO2-Preis umsetzt, bekäme dann Geld aus dem Klimafonds. Außerdem seien auch Sanktionen denkbar, wenn einige Länder, den Preis nicht erheben wollen, so die Ökonomen. William Nordhaus, Klimaökonom an der Yale Universität, schlägt zum Beispiel bereits seit einiger Zeit vor, Trittbrettfahrer mit Handelssanktionen wie zum Beispiel Strafzöllen zu belegen.

So könne ein globales Klimaabkommen tatsächlich funktionieren, sagen die Ökonomen. Und auch wenn in Paris die Verhandlungen momentan wieder nach dem bisherigen Schema laufen, glauben sie, dass ihre Ideen in Zukunft Gehör finden könnten. „Ich habe das Gefühl, dass generell die Bereitschaft wächst, über alternative Ansätze nachzudenken“, sagt Axel Ockenfels. Erst Recht, wenn auch der Klimagipfel Paris dann doch wieder so enttäuschend endet wie seine Vorgänger.

Hintergrundinformationen zum Vorschlag der Ökonomen gibt es auf der Webseite carbon-price.com.

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