Die Vermessung der Korruption

Die OECD hat in dieser Woche eine sehr lesenswerte (und gut aufbereitete) Studie zum Thema Korruption veröffentlicht, die noch dazu eine wichtige Lücke füllt: Die Ökonomen der Organisation haben zum ersten Mal zuverlässige Zahlen zum Umfang der Korruption ermittelt. Bisher wusste man erstaunlich wenig über Bestechung. Wer wen womit und wofür besticht – darüber gab es wenig verlässliche Zahlen. Wie bei vielen kriminellen Wirtschaftsaktivitäten ist es auch bei Korruption schwer, an Daten zu kommen. Korrupte Unternehmen und Beamte sind sehr kreativ, wenn es darum geht, Schmiergeldzahlungen zu verschleiern. In den vergangenen Jahren sind aber zahlreiche Bestechungsfälle aufgedeckt worden, die einen Einblick in die Mechanismen der Korruption erlauben. Die Ökonomen der OECD haben 427 Fälle aus der Zeit zwischen 1999 und 2014 ausgewertet und dabei einige wichtige Entdeckungen gemacht.

Besonders korrupte Branchen sind zum Beispiel die Rohstoffgewinnung und der Bausektor. In mehr als ein Drittel der untersuchten Fälle waren es Unternehmen aus diesen beiden Sektoren, die Schmiergelder zahlten, meistens um an öffentliche Aufträge zu kommen. Verantwortlich für die Zahlungen waren häufig Manager aus der mittleren Management-Ebene, zeigt die Auswertung. Nur in 12 Prozent Fälle war auch der Chef eines Unternehmens Teil des korrupten Netzwerks. Um die Spur des Schmiergeldes zu verwischen, wickelten 75 Prozent der Unternehmen die Zahlungen über Zwischenmänner ab.

Eine weitere interessante Erkenntnis aus der Studie: Nur zwei Prozent der untersuchten Bestechungsskandale wurde durch die Informationen von Whistleblowern aufgedeckt. System zum Schutz und zur Ermutigung von Whistleblowern gelten momentan als so etwas wie eine Geheimwaffe gegen Korruption. Die OECD-Studie zeigt aber, dass andere Instrumente besser funktionieren: Die meisten Schmiergeldzahlungen werden bei internen Ermittlungen oder der Überprüfung der Bilanz während einer Übernahme oder Fusion entdeckt.

Für den Kampf gegen Korruption sind derartige Studien sehr wertvoll, denn sie zeigen, wo Ermittler genauer hinschauen sollten. Und sie helfen dabei, abschreckende Strafen zu entwickeln. Die OECD-Ökonomen haben auch zusammengetragen, wie viel Schmiergeld in den untersuchten Fällen geflossen ist. Abgesehen von einigen Ausreißern (in einem Fall wurden gerade mal rund 13 Dollar gezahlt, in einem anderen dafür gleich 1,4 Milliarden), lag die typische Bestechungssumme etwa bei einer Million Dollar. Meistens entsprach das rund zehn Prozent des Budgets des gesamten Projekts, bei dem bestochen wurde. Dass sie bereit sind so viel auszugeben, zeigt, dass Unternehmen eine wertvolle Gegenleistung für ihr Schmiergeld bekommen. Damit sie sich durch potenzielle Strafen abschrecken lassen, müssten diese deutlich höher sein als die möglichen Gewinne aus Korruption.

Die Studie gibt es hier zum Download: „OECD Foreign Bribery Report 2014″

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