Die teure Heimatliebe der Mächtigen

Wie geht es eigentlich den Menschen in der Uckermark? Nicht besser als dem Rest Deutschlands und das ist ein gutes Zeichen. Immerhin kommt die mächtigste Frau der Welt hierher: die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Aufgewachsen ist sie in dem Städtchen Templin, 80 Kilometer nördlich von Berlin. Noch immer macht Merkel in der brandenburgischen Provinz gerne Urlaub. Doch davon abgesehen setzt sich die Bundeskanzlerin nicht besonders für ihre Heimat ein. Andere Regierungschefs sehen das nicht so streng und nutzen ihre Macht, um viel Geld in ihre Heimatregionen zu schleusen. Wie groß dieses Problem ist, haben die Ökonomen Roland Hodler (Universität St. Gallen) und Paul Raschky (Monash Universität Melbourne) für eine aktuelle Studie recherchiert.

Ein berüchtigtes Beispiel ist der ehemalige Diktator von Zaire, Mobutu Sese Seko. Er ließ in seinem Heimatort Gbadolite, einer abgelegenen Dschungel-Enklave, einen riesigen Flughafen, mehrere Paläste und die beste Strom- und Wasserversorgung des ganzen Landes errichten. Die Recherche von Hodler und Raschky zeigt, dass Mobutu leider keine Ausnahme war, und viele Staatschefs eine ausgeprägte Heimatliebe pflegen. Die beiden Ökonomen werteten für ihre Studie Daten aus 126 Ländern aus. In jedem Land analysierten sie, wie sich die Wirtschaft in der Heimatregion des Staatschefs nach dessen Amtseinführung entwickelt hat. Dabei schauten sie nicht nur auf das Bruttoinlandsprodukt, sondern auch auf Satellitenfotos der entsprechenden Regionen bei Nacht. Darauf konnten sie erkennen, wie hell eine Region leuchtet. Je mehr Licht, desto reicher ist die Region, nahmen die Forscher an. Denn wo Licht brennt, gibt es zumindest schon mal Strom, und außerdem leuchten industrielle Zentren mit vielen Fabriken oft besonders hell, da sie auch nachts arbeiten. Tatsächlich zeigen mehrere Studien, dass zwischen nächtlicher Beleuchtung und Wirtschaftskraft ein Zusammenhang besteht. Vor allem in Ländern, in denen die offiziellen Wirtschaftsstatistiken unzuverlässig sind, liefern Satellitenfotos daher oft ein realistischeres Bild der Wirtschaft.

Doch egal, ob sie sich die offiziellen Wachstumsraten oder die Satellitenfotos anschauten, in beiden Fällen fanden die Ökonomen klare Hinweise auf Staatschefs, die ihren ehemaligen Nachbarn etwas Gutes tun wollten. Nach der Amtseinführung stieg das BIP in der Heimatregion eines Staatschefs im Durchschnitt um ein Prozent und die Beleuchtung bei Nacht um vier Prozent. Mit jedem Jahr, in dem der Politiker an der Macht blieb, wurde der Effekt größer. Am besten ging es der Heimat des Staatschefs zwölf Jahre nach dessen Amtsantritt. In Ländern, in denen es keine funktionierenden Institutionen wie etwa eine unabhängige Justiz gab und das Bildungsniveau niedrig war, profitierten die Heimatregionen des Regierungschefs zudem deutlich stärker als in demokratischen, entwickelten Nationen, konnten die Ökonomen zeigen.

Ihre Studie ist ein eindrucksvoller Nachweis einer oft vernachlässigten Form von Korruption und Unterschlagung. Denn das Geld, dass in die Heimat des Staatschefs fließt, fehlt oft an Stellen, an denen es dringender benötigt würde.

 

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