Mikrokredite im Langzeittest

Diese Studie der Weltbank hat erstaunlich wenig Aufmerksamkeit bekommen. Vielleicht liegt es daran, dass ein Drittel der Weltbank-Studien ohnehin nie heruntergeladen werden, wie die Washington Post gerade herausgefunden hat. Doch diese sollte heruntergeladen und auch gelesen werden, denn es geht mal wieder um eines der Lieblingsthemen in der Entwicklungshilfe: Mikrokredite.

Ich habe hier ja bereits über die hitzige Diskussion über Mikrokredite geschrieben. Befürworter und Kritiker der Mini-Darlehen werfen sich seit Jahren die gleichen Argumente an den Kopf. Mikrokredite helfen den Armen, eigene Kleinunternehmen zu gründen und der Armut zu entkommen, sagen die einen. Falsch, sagen die anderen. Mikrokredite treiben die Armen nur in die Überschuldung, weil sie das Geld nicht produktiv einsetzen können. Oft belegen beide Seiten ihre Argumente sogar mit den gleichen Studien. Denn die lassen sich zum einen sehr unterschiedlich auslegen und haben außerdem eine sehr begrenzte Aussagekraft. Meistens wurden für diese Studien nur ein paar hundert Dorfbewohner in Indien oder Mexiko über einen Zeitraum von maximal fünf Jahren befragt. So lassen sich allenfalls mittelfristige Effekte messen und das auch nur in einem kleinen, nicht repräsentativen Gebiet.

Deswegen ist die neue Weltbank-Studie so interessant. Sie umfasst über 3000 Haushalte in 87 Dörfern in Bangladesch und deckt einen Zeitraum von 20 Jahren hab. Zwei Ökonomen der Weltbank haben sich durch diesen großen Datenberg gearbeitet, um endlich fundiertere Aussagen darüber machen zu können, wie Mikrokredite das Leben der Armen verändern. Ihre Ergebnisse sind ein Punktsieg für die Befürworter von Mikrokrediten. Die Darlehen haben in den Dörfern in Bangladesch dazu geführt, dass die Bewohner auch über einen langen Zeitraum ihren Konsum deutlich steigern konnten. Sie hatten also anscheinend durchaus Möglichkeiten, das Geld von der Bank für produktive Investitionen zu verwenden, die später dann ihr Einkommen erhöhten. Die Forscher konnten zum Beispiel zeigen, dass in Familien, die einen Mikrokredit aufgenommen hatten, Frauen deutlich häufiger eine Arbeit hatten als in Familien ohne Kredit. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass viele Frauen den Kredit dafür verwendeten, Haushaltsarbeit nicht mehr selber zu erledigen sondern die Wäsche in den Waschsalon zu bringen und fertiges Essen zu kaufen statt zu kochen. So hatten sie Zeit, sich eine Arbeit zu suchen, mit der sie genug Geld verdienten, um den Kredit wieder zurückzuzahlen. Ebenfalls ein wichtiges Ergebnis der Studie: Kinder, deren Eltern einen Mikrokredit aufgenommen hatte, gingen häufiger zur Schule und hatten so eine größere Chance, einen Schulabschluss zu machen und der Armut zu entkommen.

Die Weltbank-Studie zeigt, wie wichtig es ist, dass man die Wirkungen von Mikrokrediten über einen langen Zeitraum untersucht. Einen Schwachpunkt hat aber auch die neue Studie: Die beiden Ökonomen schauen sich wie viele vorher nur ein einziges Land an. Ob Mikrokredite in Indien genauso gut funktionieren wie in Bangladesch, ist unklar. Da es aber inzwischen in vielen Ländern Mikrokredit-Banken gibt, die oft schon seit Jahrzehnten Darlehen vergeben, werden hoffentlich bald ähnliche Langzeitstudien aus anderen Ländern veröffentlicht werden.

One comment

  1. Thomas

    Erst bei langfristigen Beobachtungen kann man tatsächlich sehen, ob diese Art der Kredite wirklich etwas bringen oder nicht. Ich finde es daher auch sehr wichtig, dass dies immer wieder beobachtet wird.

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