Warum steigende Lebensmittelpreise gut für die Armen sind

Auf ZEIT Online habe ich in dieser Woche über eine Arbeit des Entwicklungsökonomen Derek Headey geschrieben. Headey arbeitet beim International Food Policy Research Institute in Washington D.C. und forscht seit Jahren über Armut und Hunger. Er konnte unter anderem das so genannte „Asiatischen Rätsel“ teilweise entschlüsseln, also die Tatsache, dass in Ländern wie Indien trotz eines rasanten Wirtschaftswachstums die Zahl der Menschen, die Hunger leiden, extrem hoch ist. Headey zeigt in mehreren Studien, dass die Diskriminierung von Frauen und Mädchen ein wichtiger Grund für den Hunger ist.

In seiner neuen Studie beschäftigt sich Headey auch mit Hunger und Armut: Er untersucht, wie sich die steigenden Nahrungsmittelpreise auf das Leben der Menschen in Entwicklungsländern weltweit ausgewirkt haben. 2008 und 2010 kam es zu Preisexplosionen auf den Märkten für Grundnahrungsmittel wie Getreide, Milchprodukte oder Feldfrüchte. Die Preise stiegen zum Teil um 200 Prozent und sind seitdem auf einem hohen Niveau geblieben. Oft wird behauptet, dass die hohen Lebensmittelpreise gerade für die Menschen in Entwicklungsländern eine Katastrophe sind, doch Derek Headey zeigt, dass das nicht immer stimmt.

Er stellte in seiner Studie fest, dass einige Zeit nach den großen Preissteigerungen die Armut in vielen Entwicklungsländern deutlich gesunken ist. Es gab immer weniger Menschen, die weniger als 1,25 Dollar am Tag in lokalen Preisen zur Verfügung hatten und damit nach der Definition der Weltbank als sehr arm gelten. Und Headey konnte mit statistischen Werkzeugen zeigen, dass zwischen den steigenden Lebensmittelpreisen und der zurückgehenden Armut tatsächlich ein direkter Zusammenhang bestand. Die Begründung dafür liegt nahe, wird aber in den Diskussionen um die hohen Lebensmittelpreise oft vergessen: Viele Arme arbeiten in der Landwirtschaft. Wenn die Preise für Nahrungsmittel steigen, erhöht sich auch ihr Einkommen, weil sie für ihre Waren mehr verlangen können.

Dass dieser Effekt so groß ist und sich schon nach kurzer Zeit in den Armutsstatistiken zahlreicher Entwicklungsländer zeigt, hat Derek Headey selbst überrascht. Er fordert daher, dass Regierungen auf keinen Fall Exportverbote erlassen sollten, wie es viele Entwicklungsländer nach den Preissteigerungen 2008 und 2010 etwa für Getreide gemacht haben. Denn wenn die Regierung den lokalen Markt abschottet, können die Kleinbauern und Landarbeiter nicht von den höheren Preisen profitieren. Um Hungersnöte zu verhindern, empfiehlt Headey ein anderes Gegenmittel: Subventionen.

Ökonomen mögen eigentlich keine Subventionen, aber im Fall von steigenden Lebensmittelpreisen seien sie absolut notwendig, so Headey. Denn erstens dauere es meistens mindestens mehrere Monate, bis die höheren Preise in Form von steigenden Einkommen bei den Armen ankommen. Und außerdem würden nicht alle profitieren. Wer in der Stadt lebt, spürt nur die schlechte Seite der steigenden Preise (das Brot wird teuerer) ohne von der guten Seite (höhere Einkommen in der Landwirtschaft) etwas zu haben. Diese kurzfristigen Effekte und Verteilungsprobleme könne man aber über Subventionen gut abmildern, schreibt Headey. Dann seien steigende Lebensmittelpreise tatsächlich eine überraschend gute Nachricht für die Armen.

Die Studie „Food Prices and Poverty Reduction in the Long Run“ gibt es hier zum Download.

One comment

  1. Fritz Boehringer

    Höhere Lebensmittelpreise animieren auch die Bauern mehr und auch auf schlechteren Böden anzubauen, was sich bei niedrigen Preisen nicht lohnt. Bei andauernder Subvention besteht die Gefahr, dass eine mögliche Geburtenkontrolle nicht funktioniert. Bei uns war die Umwandlung von der Allmende, (die Weidegründe die jeder nutzen konnte) zum Eigentum der einzelnen Familien und schon sank die Bevölkerung – allerdings war das nicht immer schön.
    Die Besteuerung der Bauern war je nach Ackerfläche mal Bodenbonität. Das hatte den Vorteil, dass die guten Böden schon hohe Steuern kosteten und daher intensiv bearbeitet wurden. Die schlechten Böden hatten niedrige, oder keine Steuern, daher wurde bei hohen Preisen auch dort noch deutlich mehr erwirtschaftet. Heute bestraft die Einkommensteuer den hohen Aufwand bei den schlechten Böden so sehr, dass diese kaum genutzt werden können.
    mfg Fritz Boehringer

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