Die Schubs-Behörde der britischen Regierung

In Großbritannien gibt es seit einigen Jahren eine sehr interessante Regierungsbehörde: Das Behavioral Insight Team, auch „Nudge Unit“ genannt. „Nudge“ bedeutet übersetzt „Schubs“ und ist ein Begriff aus der Verhaltensforschung. Manchmal muss man Menschen einen kleinen Schubs geben, damit sie das Richtige tun, haben Psychologen in Experimenten gezeigt. Zum Beispiel das gesunde Vollkornbrot im Supermarkt in die Regale auf Augenhöhe legen. Oder an alle Menschen ungefragt Organspendeausweise verteilen und nur die, die widersprechen, von der Liste der Spender streichen.

Ökonomen sind von den Erkenntnissen der Verhaltensforschung besonders begeistert. Es gibt inzwischen eine eigene ökonomische Unterdisziplin, die Verhaltensökonomie. Verhaltensökonomen untersuchen, wie Menschen im Wirtschaftsleben Entscheidungen treffen, und wollen sie dazu bringen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel genug für die Rente zu sparen oder an der Börse die richtigen Aktien zu kaufen. In meinem Buch stelle ich einige Verhaltensforscher vor, etwa Kevin Volpp von der Universität in Pennsylvania, der in mehreren Experimenten Menschen geholfen hat, mit dem Rauchen aufzuhören.

Die Verhaltensforschung und ihre Anwendung in der Ökonomik werden jedoch auch immer wieder kritisiert. Denn Verhaltensökonomen versuchen, Menschen zu manipulieren und sie etwas tun zu lassen, das sie sonst nicht getan hätten. Und ob Vollkornbrot, Organspende und mit dem Rauchen aufhören die „richtigen“ Entscheidungen sind, ist am Ende Ansichtssache. Ich habe diese Kritik allerdings nie ganz nachvollziehen können, denn Verhaltensforscher machen immer nur Angebote. Niemand muss dabei mitmachen. Wer überzeugter Raucher ist, Vollkornbrot hasst und auf keinen Fall Organe spenden will, wird auch von Verhaltensforschern nicht dazu gezwungen. Sie wollen lediglich Menschen helfen, die zum Beispiel mit dem Rauchen aufhören wollen, es aber aus eigener Kraft nicht schaffen. Und dabei sind sie oft ziemlich erfolgreich.

Deswegen ist die „Nudge Unit“ der britischen Regierung ein sehr spannendes Projekt. Die Psychologen, Ökonomen und zahlreichen anderen Wissenschaftler, die dort arbeiten, haben dafür gesorgt, dass immer mehr Briten ihre Steuererklärung rechtzeitig abgeben, ihre Häuser richtig isolieren und für Wohltätigkeitsorganisationen spenden. Seit Februar ist die ehemalige Behörde ein eigenständiges Unternehmen und berät nicht mehr nur die Regierung, sondern gibt unter anderem auch Nichtregierungsorganisationen Tipps, wie sie mehr Spendengelder einwerben können. Hier geht es zum Blog der „Nudge Unit“, auf dem die Forscher über ihre aktuellen Projekte schreiben.

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