Die Zinsen auf Mikrokredite steigen

Über kein Instrument der Entwicklungshilfe wurden in den vergangenen Jahren so heftig gestritten wie über Mikrokredite. Erst wurden die Mini-Darlehen für Menschen in Entwicklungsländern als ökonomische Wunderwaffe im Kampf gegen die Armut gefeiert. Dann galten sie plötzlich als nutzlos und sogar gefährlich, weil sie die Armen angeblich in die Überschuldung treiben. Dass die Debatte so heftig und polarisierend geführt wurde, lag auch an der Medienberichterstattung. Die wenigen, methodisch guten Studien, die es zur Wirksamkeit von Mikrokrediten gibt, wurden in vielen Artikeln sehr selektiv dargestellt. Etwa diese grundlegende Studie eines Forscherteams um die MIT-Ökonomin Esther Duflo, die zeigt, dass Mikrokredite zwar keine Wunder vollbringen, aber trotzdem vielen Menschen helfen können.

Ein Grund, dass Mikrokredit zuletzt in Verruf geraten sind, sind die hohen Zinsen. Oft verlangen Mikrokredit-Banken mehr als 30 Prozent Zinsen. Das klingt nach Wucher, ist aber oft nötig. Nur so können die Banken trotz der kleinen Darlehenssummen ihre Verwaltungskosten durch die Zinszahlungen decken. Zuletzt sind die Zinsen für Mikrokredite aber nochmal gestiegen. 2004 lagen sie im Durchschnitt bei 30 Prozent, 2011 schon bei 35 Prozent, zeigt eine aktuelle Auswertung der Microfinance Information Exchange (MIX).

Auch das ist aber nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen. Die Zinsen könnten deswegen steigen, weil Mikrokredite immer beliebter werden und die Banken inzwischen auch Menschen einen Mini-Kredit geben, die fast keine Sicherheiten vorweisen können. Dafür müssen sie höhere Zinsen nehmen, um das höhere Ausfallrisiko zu kompensieren. Tatsächlich zeigt die Auswertung von MIX, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Mikrokredite vergeben werden. Die hohe Nachfrage spricht gegen das Argument, dass Mikrokredite den Armen mehr schaden als nützen. Viele scheinen produktive Einsatzmöglichkeiten für die Darlehen zu finden, mit denen sie sogar einen Zinssatz von 35 Prozent bezahlen können.

Trotzdem ist unter Ökonomen eine Diskussion entbrannt, ob man die Zinsen für Mikrokredite künstlich senken sollte. Dean Karlan und Jonathan Zinman, zwei Ökonomen, die bereits seit Jahren über Mikrokredite forschen, haben im vergangenen Jahr mit einem Experiment in Mexiko gezeigt, dass Mikrokredit-Banken auch mit niedrigeren Zinssätzen profitabel arbeiten können. Das spricht dafür, wieder mehr Non-profit-Organisationen in den Mikrokredit-Sektor zu holen. Denn in den vergangenen Jahren gab es eine unter Mikrokreditanbietern eine Privatisierungswelle, einige sind inzwischen sogar an der Börse gelistet. Das ist auf der einen Seite gut, weil die Anbieter dadurch deutlich mehr Kapital haben und mehr Kredite vergeben können als in den Anfängen der Mikrokredite in den 1980er Jahren. Auf der anderen Seite wollen Aktionäre Gewinne sehen und Mikrokredit-Banken lassen sich daher nur schwer überreden, die Zinsen zu senken. Staatliche Entwicklungsbanken oder Nichtregierungsorganisationen, die mit Mikrokrediten nicht unbedingt Geld verdienen müssen, würden der Mikrokredit-Branche daher gut tun. Sie sollten sich um das untere Ende des Finanzmarkts der Armen kümmern, wo das Ausfallrisiko zu groß für die privaten Anbieter ist und die Zinsen trotzdem niedrig sein müssen.

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