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Lesetipp: Portrait über Cass Sunstein

Vor einigen Wochen habe ich hier über das Behavioral Insight Team der britischen Regierung geschrieben. In der Behörde arbeiten Psychologen und Ökonomen daran, Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung in die Praxis umzusetzen. Der Ansatz geht vor allem auf den Ökonomen Richard Thaler und den Juraprofessor Cass Sunstein und ihr einflussreiches Buch „Nudge“ zurück. Sunstein hat nun ein weiteres Buch zu dem Thema geschrieben. Eine lesenswerte Rezension dazu, die gleichzeitig auch ein Porträt über Sunstein ist, steht in der aktuellen Ausgabe des US-Magazins The Atlantic: Our Nudge in Chief

Werbespots mit Hintergedanken

Es sieht inzwischen ja tatsächlich so aus, als wenn die politische Karriere von Silvio Berlusconi dem Ende zugeht. Weil er 2013 wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde, muss Berlusconi bald in einem Altersheim Sozialstunden ableisten, weitere Gerichtsverfahren drohen und den Rückhalt in seiner Partei hat er auch zu einem Großteil verloren. Ein politisches Comeback scheint diesmal wirklich unmöglich, obwohl man bei Berlusconi mit solchen Aussagen vorsichtig sein sollte. Fast zwei Jahrzehnte hat Berlusconi die italienische Politik geprägt, war viermal Ministerpräsident. Was ihn (und auch viele Italiener) dabei nie sonderlich gestört hat: Er war nicht nur Politiker und Regierungschef, sondern gleichzeitig auch aktiver Unternehmer. In vielen Ländern ist eine solche Doppelrolle wegen der möglichen Interessenskonflikte verboten, in Italien jedoch nicht. Für Berlusconi hatte das viele Vorteile. Er konnte sich zum Beispiel in Interviewsendungen bei den Fernsehsendern seines Medienunternehmens Mediaset Wählern präsentieren ohne dabei von unangenehmen Fragen unabhängiger Journalisten genervt zu werden. Die Fernsehsender könnten für Berlusconi aber noch einen weiteren Vorteil gehabt haben: Sie könnten ein Kanal für die Annahme von Schmiergeldern gewesen sein.

Das legt zumindest eine Studie von vier Ökonomen nahe. Die Forscher um Eliana La Ferrara von der Bocconi Universität in Mailand haben sich dabei angeschaut, wie sich die Werbeeinnahmen bei den Sendern von Mediaset Berlusconis politischer Karriere verändert haben. Dabei fanden sie einen deutliches und ziemlich verdächtiges Muster. Während Berlusconis zweiter Amtszeit als Ministerpräsident von 2001 bis 2006 stiegen die Werbeeinnahmen von Mediaset zum Beispiel stark an. Bei den Konkurrenzsendern des öffentlich-rechtlichen Netzwerkes Rai hingegen sanken die Werbeeinnahmen während dieser Zeit. Ähnlich war es zwischen 2008 und 2009 als Berlusconi erneut an der Macht war. Viele Unternehmen scheinen also ihre Werbeetats immer nach Berlusconis Wahl zum Ministerpräsidenten umgeschichtet zu haben und vor allem in den von ihm kontrollierten Sendern Werbeblöcke geschaltet zu haben.

Dahinter könnte eine Art indirekte Korruption stecken, vermuten die Ökonomen. Die steigenden Werbeeinnahmen erhöhen den Gewinn von Mediaset und kommen so am Ende auch Berlusconi zu Gute. Die Unternehmen könnten sich davon politische Unterstützung und vorteilhafte Gesetze versprochen haben. Dafür spricht ein weiteres Ergebnis der Studie: Die Ökonomen konnten zeigen, dass vor allem in stark regulierten Branchen viele Unternehmen ihre Werbeetats in Berlusconis Amtszeiten zugunsten seiner Sender umschichteten. Für Unternehmen, deren Geschäfte durch viele Gesetze geregelt werden, ist die politische Kontaktpflege besonders wichtig.

Insgesamt hätten die steigenden Werbeeinnahmen Berlusconis Sendern in den neun Jahren seiner Zeit als Ministerpräsident einen zusätzlichen Gewinn von einer Milliarde Euro gebracht, schätzen die Ökonomen in ihrer Studie. Das zeige, dass derartige indirekte Schmiergeldzahlungen ein wichtiger Kanal für Korruption seien und von Ermittlern stärker beobachtet werden sollten. Denn fragwürdige Kombinationen aus Politiker und Unternehmer gibt es schließlich nicht nur in Italien.

Die Studie „Market-based Lobbying: Evidence from Advertising Spending in Italy“ von Stefano DellaVigna, Ruben Durante, Brian Knight und Eliana La Ferrara gibt es hier zum Download.

Lesetipps

Da ich momentan im Urlaub bin, ist auch der Blog noch bis kommende Woche im Ferienmodus. Hier aber schon mal zwei Lesehinweise:

– ein Experiment, bei dem Ökonomen Migranten in Katar helfen, besser mit ihrem Geld umzugehen: http://www-personal.umich.edu/~deanyang/papers/seshan%20yang%20-%20motivating%20migrants.pdf

– eine Studie, bei der Forscher aus den USA zeigen, dass es eine große Rolle spielen kann, ob Sozialhilfe per Scheck oder als Überweisung gezahlt wird: http://www.nber.org/papers/w19996

Der Kampf gegen Korruption ist nicht aussichtslos

In der ZEIT gab es in der vergangenen Woche (Ausgabe 12/2014) einen interessanten Artikel, der inzwischen auch online erschienen ist: http://www.zeit.de/2014/12/korruption-bestechlichkeit-protest-weltweit

Die Autorin Petra Pinzler beschreibt darin den weltweiten Kampf gegen Korruption und die Tatsache, dass sich gerade eine neue Erkenntnis durchsetzt: Es gibt wirksame Mittel, mit denen sich Bestechung und Vetternwirtschaft bekämpfen lassen. Das ist deswegen so spannend, weil es noch gar nicht lange her ist, dass Korruption von vielen als unvermeidliches Übel angesehen wurde und Unternehmen Schmiergelder sogar von der Steuer absetzen konnten. Ein Grund für die fatalistische Haltung war, dass es einfach zu viele Fehlschläge im Kampf gegen die Bestechlichkeit gegeben hatte. Wenn irgendwo auf der Welt eine korrupte Regierung abgewählt oder durch eine Revolution gestürzt wurde, kamen danach oft Politiker an die Macht, die sogar noch korrupter waren.

Doch in den vergangenen Jahren haben es einige Länder geschafft, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Ein Beispiel, das auch im Artikel gennant wird, ist Georgien. Das Land galt 2003 als eines der korruptesten der Welt und lag in der Rangliste der Nichtregierungsorganisation Transparency International auf dem letzten Platz. Seit dem hat sich in Georgien einiges geändert. Bei der Bewerbung um Studienplätze, der Ausschreibung von öffentlichen Aufträgen und in anderen korruptionsanfälligen Bereichen hat die Regierung Systeme eingeführt, die die Transparenz erhöht haben (einige der Reformen werden in diesem Artikel beschrieben). Dadurch hat es Georgien tatsächlich geschafft, die Korruption zurückzudrängen. Das Land ist in der Transparency -International-Rangliste inzwischen 100 Plätze nach oben geklettert.

Auch andere Ländern haben in den vergangenen Jahren Fortschritte beim Kampf gegen Korruption gemacht. Das ist vor allem der Verdienst von mutigen Politikern, die den Verlockungen des Schmiergelds widerstehen und ihr Land zum Guten verändern wollen. Aber auch Ökonomen haben einen Anteil daran, dass es inzwischen wirksame Mittel gegen Bestechung gibt. Sie ärgern sich schon lange über Korruption, denn aus ökonomischer Sicht ist sie ein großes Problem. Sie verhindert zum Beispiel, dass Märkte richtig funktionieren, etwa, wenn nicht die effizientesten Unternehmen öffentliche Aufträge bekommen, sondern die mit den besten Kontakten zu Politikern und den größten Schmiergeldkoffern. Ökonomen erforschen daher intensiv, wie man Korruption verhindern kann. Einer der bekanntesten Ökonomen auf diesem Gebiet ist Benjamin Olken vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). In zahlreichen Studien und Experimenten konnte er unter anderem zeigen, wie man Kontrollen durchführen muss, damit bei staatlichen Bauprojekten nicht bestochen wird, und wie geschickt Polizisten und Soldaten in Indonesien Schmiergeld von LKW-Fahrer erpressen. Auf seiner Webseite kann man sich durch seine Studien klicken. Ich werde auch hier immer mal wieder ein neue Arbeit von ihm und anderen ökonomischen Korruptionsjägern vorstellen.

Und hier noch ein Lesetipp zum Thema: Der Economist hat einen Vetternwirtschaft-Index entwickelt und damit gemessen, in welchen Ländern am meisten gemauschelt wird. Russland und die Ukraine stehen übrigens auf Platz 2 und 3.

Die Schubs-Behörde der britischen Regierung

In Großbritannien gibt es seit einigen Jahren eine sehr interessante Regierungsbehörde: Das Behavioral Insight Team, auch „Nudge Unit“ genannt. „Nudge“ bedeutet übersetzt „Schubs“ und ist ein Begriff aus der Verhaltensforschung. Manchmal muss man Menschen einen kleinen Schubs geben, damit sie das Richtige tun, haben Psychologen in Experimenten gezeigt. Zum Beispiel das gesunde Vollkornbrot im Supermarkt in die Regale auf Augenhöhe legen. Oder an alle Menschen ungefragt Organspendeausweise verteilen und nur die, die widersprechen, von der Liste der Spender streichen.

Ökonomen sind von den Erkenntnissen der Verhaltensforschung besonders begeistert. Es gibt inzwischen eine eigene ökonomische Unterdisziplin, die Verhaltensökonomie. Verhaltensökonomen untersuchen, wie Menschen im Wirtschaftsleben Entscheidungen treffen, und wollen sie dazu bringen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel genug für die Rente zu sparen oder an der Börse die richtigen Aktien zu kaufen. In meinem Buch stelle ich einige Verhaltensforscher vor, etwa Kevin Volpp von der Universität in Pennsylvania, der in mehreren Experimenten Menschen geholfen hat, mit dem Rauchen aufzuhören.

Die Verhaltensforschung und ihre Anwendung in der Ökonomik werden jedoch auch immer wieder kritisiert. Denn Verhaltensökonomen versuchen, Menschen zu manipulieren und sie etwas tun zu lassen, das sie sonst nicht getan hätten. Und ob Vollkornbrot, Organspende und mit dem Rauchen aufhören die „richtigen“ Entscheidungen sind, ist am Ende Ansichtssache. Ich habe diese Kritik allerdings nie ganz nachvollziehen können, denn Verhaltensforscher machen immer nur Angebote. Niemand muss dabei mitmachen. Wer überzeugter Raucher ist, Vollkornbrot hasst und auf keinen Fall Organe spenden will, wird auch von Verhaltensforschern nicht dazu gezwungen. Sie wollen lediglich Menschen helfen, die zum Beispiel mit dem Rauchen aufhören wollen, es aber aus eigener Kraft nicht schaffen. Und dabei sind sie oft ziemlich erfolgreich.

Deswegen ist die „Nudge Unit“ der britischen Regierung ein sehr spannendes Projekt. Die Psychologen, Ökonomen und zahlreichen anderen Wissenschaftler, die dort arbeiten, haben dafür gesorgt, dass immer mehr Briten ihre Steuererklärung rechtzeitig abgeben, ihre Häuser richtig isolieren und für Wohltätigkeitsorganisationen spenden. Seit Februar ist die ehemalige Behörde ein eigenständiges Unternehmen und berät nicht mehr nur die Regierung, sondern gibt unter anderem auch Nichtregierungsorganisationen Tipps, wie sie mehr Spendengelder einwerben können. Hier geht es zum Blog der „Nudge Unit“, auf dem die Forscher über ihre aktuellen Projekte schreiben.

Slum-Economics

Rund 830 Millionen Menschen leben momentan in Slums, schätzt die Weltgesundheitsorganisation. Damit wohnt inzwischen fast jeder dritte Stadtbewohner weltweit in einem Slum. Die Armenviertel sind in den vergangenen Jahren rasant gewachsen, weil in Entwicklungs- und Schwellenländern immer mehr Menschen vom Land in die Stadt ziehen. Ökonomen interessiert seit langem vor allem eine Frage: Geht es diesen Menschen besser oder schlechter als vorher? Und vor allem: Schaffen sie es irgendwann aus den Slums wegzukommen und in bessere Stadtviertel zu ziehen?

In einer neuen Studie konnten drei Forscher vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) einige dieser Fragen beantworten. Die Ökonomen haben Daten von über 130 000 Haushalten aus Slums in der ganzem Welt gesammelt und ausgewertet. Ein Großteil der Daten stammte aus Befragungen von Bewohnern der Slums in der kenianischen Stadt Kibera. Die Forscher konnte damit zeigen, dass viele Slumbewohner den Aufstieg in bessere Stadtviertel nicht schaffen. Viele haben zwar einen Job oder ein kleines Unternehmen, aber ein Großteil des so verdienten Gelds müssen sie für die Miete ausgeben, zeigt die Studie. Für viele lohnt sich der Umzug vom Land in einen Slum daher nicht, denn als Bauer haben sie vorher zwar weniger verdient, dafür aber kostenlos in einem eigenen Haus gelebt.

Außerdem ist die Hygiene in vielen Slums sehr schlecht. Die meisten Bewohner haben noch nicht mal eine eigene Toilette, konnten die MIT-Ökonomen zeigen. Infektionskrankheiten breiten sich daher schnell aus und können Slumbewohner, die keine Krankenversicherung haben, schnell in den Ruin treiben. Es ist daher sehr schwer, aus einem Slum den sozialen Aufstieg zu schaffen, schlussfolgern die Forscher.

Der Ökonom Sean Fox von der London School of Economics and Political Science hat vor kurzem ebenfalls eine Studie über Slums veröffentlicht, in der er einige interessante Zusammenhänge aufdeckt. Der Ursprung für die Entstehung von Slums scheint demnach in vielen Ländern in der Kolonialzeit zu liegen. In Länder, die in den 1950er Jahren noch stark unter dem Einfluss der Kolonialmacht Großbritannien standen, gab es mehr Slums, fand Fox heraus. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Kolonialmächte in die Entwicklung von Städten investierten, die noch heute davon profitieren und daher für Landbewohner sehr attraktiv sind. Außerdem haben bereits mehrere Studien gezeigt, dass viele Institutionen, mit denen Kolonialmächte die eroberten Länder kontrolliert und ausgebeutet haben, bis heute überlebt haben und inzwischen von Politikern und Unternehmern genutzt werden. Dadurch ist die Ungleichheit in diesen Staaten besonders groß und die Armen werden aus den Stadtzentren in die Slums abgedrängt.

In den kommenden Jahren werden die Slums weiter wachsen, zeigen Berechnungen der Vereinten Nationen. Es wird also höchste Zeit, dass die Zustände in den Armenvierteln besser und der soziale Aufstieg möglich wird.

Hier gibt es die erwähnten Studien zum Download:

„The Economics of Slums in the Developing World“ von Benjamin Marx, Thomas Stoker und Tavneet Suri

„The Political Economy of Slums: Theory and Evidence from Sub-Saharan Africa“ von Sean Fox

 

Die wertvollen Freundschaften zwischen Bankern und Politikern

Im Bundestag wurde heute ein neues Gesetz beschlossen, das die Bestechung von Abgeordneten unter Strafe stellt. Damit gelten für Abgeordnete nun ähnliche Regeln wie für Amtsträger. Vor allem aber kann die Bundesregierung jetzt die UN-Konvention gegen Korruption ratifizieren. Deutschland war da zuletzt in eher peinlicher Gesellschaft: Ebenfalls noch nicht ratifiziert haben die Konvention zum Beispiel Syrien, Somalia und Nordkorea – drei der korruptesten Länder der Welt.

Schärfere Gesetze allein helfen jedoch wenig gegen Korruption. Um Bestechung zu bestrafen, muss man sie erstmal aufdecken und das ist ziemlich schwierig. Die Beamten bei Polizei und Staatsanwaltschaft können nicht ständig Politiker und Unternehmen überwachen und sind auf Hinweise angewiesen. Helfen können ihnen Ökonomen, die in den vergangenen Jahren einen neuen Weg gefunden haben, korrupten Politikern und Lobbyisten auf die Schliche zu kommen. Denn es gibt einen Ort, an dem sich deren Machenschaften nahezu live beobachten lassen: Die Börse.

Im Aktienkurs eines Unternehmens sind die Informationen tausender Händler und Analysten zusammengefasst. Und die versuchen jeden Tag, möglichst viel über das Unternehmen herauszufinden. Korruption ist für Investoren eine besonders wertvolle Information, mit der sich an der Börse viel Geld verdienen lässt. Weiß ein Investor, dass ein Unternehmen an einen Politiker Schmiergeld zahlt, wird er in der Regel Aktien des Unternehmens kaufen. Denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das Unternehmen von dem Politiker bald einen öffentlichen Auftrag zugespielt bekommt oder ein Gesetz verabschiedet wird, dass dem Unternehmen hilft. Dass Investoren tatsächlich gut über Schmiergeldzahlungen zwischen Unternehmen und Politiker Bescheid wissen, konnten die Ökonomen Raymond Fisman und Edward Miguel am Beispiel des ehemaligen indonesischen Dikators Suharto zeigen. Als Suharto in den 1990er Jahren öfter im Krankenhaus war und es Gerüchte gab, dass er einen Herzinfarkt hatte, brachen die Kurse einiger Unternehmen plötzlich stark ein. Die Investoren wussten also offenbar genau, welche Unternehmen vom Tod Suhartos besonders betroffen gewesen wären, weil sie sich durch Schmiergeldzahlungen oder andere Gefälligkeiten regelmäßig Aufträge sicherten.

Mit der Methode der gezielten Analyse von Börsenkursen haben Ökonomen bereits in zahlreichen Studien Hinweise auf Korruption und Vetternwirtschaft gefunden. In einer aktuellen Arbeit haben fünf Forscher um Daron Acemoglu vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) auf diese Weise die lukrativen Freundschaftsbeziehungen zwischen großen Banken und dem Finanzministerium in den USA aufgedeckt. Sie beobachteten, wie sich die Börsenkurse von Banken entwickelten, als US-Präsident Barack Obama  2008 einen Nachfolger für den scheidenden Finanzminister Henry Paulson suchte. Kurz nachdem Obama Timothy Geithner für den Posten vorgeschlagen hatte, schossen die Kurse einige Banken deutlich nach oben, während die Kurse anderer Institute sich fast gar nicht veränderten. Es dauerte nach der Nominierung jedoch noch rund zwei Monate, bis der US-Senat Geithner bestätigte. Kurze Zeit schien es sogar möglich, dass die Senatoren den Kandidaten ablehnten, denn inzwischen war bekannt geworden, dass Geithner rund 34 000 Dollar Steuern nicht bezahlt hatte. Während dieser Hängepartie brachen die Kurse der Banken, die vorher stark gestiegen waren, wieder ein. Für die Ökonomen waren die verdächtigen Kursbewegungen ein klares Zeichen, dass sich einige Banken von dem Finanzminister Timothy Geithner einen Vorteil versprachen.

Die größten Kursausschläge gab es tatsächlich bei Banken, in denen Freunde oder ehemalige Kollegen von Geithner arbeiteten, stellten die Ökonomen fest. So weit, dem ehemaligen US-Finanzminister Korruption vorzuwerfen, wollen die Forscher zwar nicht gehen. Ihre Ergebnisse zeigen aber auf jeden Fall, wie wertvoll es für Banken ist, einen guten Draht ins Finanzministerium zu haben. Und sie könnten Ermittlern Hinweise liefern, welche Entscheidungen und Gesetze sie sich genauer anschauen sollten.

Hier gibt es die Studie „The Value of Connections in Turbulent Times: Evidence from the United States“ zum Download.

Die Zinsen auf Mikrokredite steigen

Über kein Instrument der Entwicklungshilfe wurden in den vergangenen Jahren so heftig gestritten wie über Mikrokredite. Erst wurden die Mini-Darlehen für Menschen in Entwicklungsländern als ökonomische Wunderwaffe im Kampf gegen die Armut gefeiert. Dann galten sie plötzlich als nutzlos und sogar gefährlich, weil sie die Armen angeblich in die Überschuldung treiben. Dass die Debatte so heftig und polarisierend geführt wurde, lag auch an der Medienberichterstattung. Die wenigen, methodisch guten Studien, die es zur Wirksamkeit von Mikrokrediten gibt, wurden in vielen Artikeln sehr selektiv dargestellt. Etwa diese grundlegende Studie eines Forscherteams um die MIT-Ökonomin Esther Duflo, die zeigt, dass Mikrokredite zwar keine Wunder vollbringen, aber trotzdem vielen Menschen helfen können.

Ein Grund, dass Mikrokredit zuletzt in Verruf geraten sind, sind die hohen Zinsen. Oft verlangen Mikrokredit-Banken mehr als 30 Prozent Zinsen. Das klingt nach Wucher, ist aber oft nötig. Nur so können die Banken trotz der kleinen Darlehenssummen ihre Verwaltungskosten durch die Zinszahlungen decken. Zuletzt sind die Zinsen für Mikrokredite aber nochmal gestiegen. 2004 lagen sie im Durchschnitt bei 30 Prozent, 2011 schon bei 35 Prozent, zeigt eine aktuelle Auswertung der Microfinance Information Exchange (MIX).

Auch das ist aber nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen. Die Zinsen könnten deswegen steigen, weil Mikrokredite immer beliebter werden und die Banken inzwischen auch Menschen einen Mini-Kredit geben, die fast keine Sicherheiten vorweisen können. Dafür müssen sie höhere Zinsen nehmen, um das höhere Ausfallrisiko zu kompensieren. Tatsächlich zeigt die Auswertung von MIX, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Mikrokredite vergeben werden. Die hohe Nachfrage spricht gegen das Argument, dass Mikrokredite den Armen mehr schaden als nützen. Viele scheinen produktive Einsatzmöglichkeiten für die Darlehen zu finden, mit denen sie sogar einen Zinssatz von 35 Prozent bezahlen können.

Trotzdem ist unter Ökonomen eine Diskussion entbrannt, ob man die Zinsen für Mikrokredite künstlich senken sollte. Dean Karlan und Jonathan Zinman, zwei Ökonomen, die bereits seit Jahren über Mikrokredite forschen, haben im vergangenen Jahr mit einem Experiment in Mexiko gezeigt, dass Mikrokredit-Banken auch mit niedrigeren Zinssätzen profitabel arbeiten können. Das spricht dafür, wieder mehr Non-profit-Organisationen in den Mikrokredit-Sektor zu holen. Denn in den vergangenen Jahren gab es eine unter Mikrokreditanbietern eine Privatisierungswelle, einige sind inzwischen sogar an der Börse gelistet. Das ist auf der einen Seite gut, weil die Anbieter dadurch deutlich mehr Kapital haben und mehr Kredite vergeben können als in den Anfängen der Mikrokredite in den 1980er Jahren. Auf der anderen Seite wollen Aktionäre Gewinne sehen und Mikrokredit-Banken lassen sich daher nur schwer überreden, die Zinsen zu senken. Staatliche Entwicklungsbanken oder Nichtregierungsorganisationen, die mit Mikrokrediten nicht unbedingt Geld verdienen müssen, würden der Mikrokredit-Branche daher gut tun. Sie sollten sich um das untere Ende des Finanzmarkts der Armen kümmern, wo das Ausfallrisiko zu groß für die privaten Anbieter ist und die Zinsen trotzdem niedrig sein müssen.

Entwicklungshilfe mit BWL-Crashkursen

Dass es immer noch mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt gibt, die von weniger als einem Euro am Tag leben müssen, hat viele Gründe. Einer, der oft unterschätzt wird: Viele Arme haben einen schlechten Businessplan. In Entwicklungsländern ist mehr als jeder zweite Einwohner selbstständig, schätzt die Weltbank. Die meisten arbeiten als Bauern, haben einen kleinen Laden, eine Werkstatt oder ein Taxi. Leider sind viele dieser Mini-Unternehmen jedoch nicht wirklich erfolgreich und erwirtschaften nur wenig Gewinn. Um das zu ändern, sollten Entwicklungshelfer zu Unternehmensberatern werden, fordern Ökonomen.

Eine neue Studie zeigt, wie sich der Gewinn von kleinen Unternehmen schon durch simple Grundprinzipien des Management enorm steigern lässt. Drei Ökonomen aus den USA und Mexiko haben zusammen mit der Nichtregierungsorganisation CREA einen Management-Crashkurs entwickelt und in Dörfern in Mexiko mehrere hundert Frauen, die eine eigenes Unternehmen hatten, dazu eingeladen. Die Forscher ließen einen Zufallsmechanismus entscheiden, wer eine Zulassung zu dem Management-Kurs bekam und wer nicht. Den Frauen, die ausgelost wurden, erklärten Mitarbeiter von CREA Grundlagen der Buchhaltung, der Preistheorie und der Lagerhaltung. Zweieinhalb Jahre nach dem Kurs besuchten drei Ökonomen die Teilnehmerinnen und fragten sie, wie sich das Geschäft in ihren Läden und Werkstätten in der Zwischenzeit entwickelt hatte. Der Management-Crashkurs war ein voller Erfolg, stellten die Ökonomen schnell fest. Die Unternehmen der Teilnehmerinnen hatten mehr Kunden, erwirtschaftete einen höheren Umsatz und machten vor allem deutlich mehr Gewinn als die der Frauen, die nicht an dem Kurs hatten teilnehmen dürfen.

Die Forscher fordern daher, dass mehr Nichtregierungsorganisationen diese Art der ökonomischen Entwicklungshilfe anbieten. Denn auch andere Studien haben bereits gezeigt, wie wertvoll die Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre im Kampf gegen die Armut sein können. Manchmal wachsen die Unternehmen der Armen durch die Lektionen der Unternehmensberater sogar so stark, dass sie nicht nur ihre Besitzer ernähren, sogar noch zahlreiche Arbeitsplätze schaffen, wie eine Studie des Yale-Forscher Dean Karlan nahelegt.

Hier gibt es die Studie „Business Literacy and Development: Evidence from a Randomized Controlled Trial in Rural Mexico“ zum Download.

Reality-TV als Verhütungsmittel

Fernsehserien entpuppen sich immer mehr als ein effektives Verhütungsmittel. Schon 2012 hat die Ökonomin Eliana La Ferrara zusammen mit zwei Kollegen eine kuriose Studie veröffentlicht, die zeigt, dass Telenovelas für den Rückgang der Geburtenraten in Brasilien mitverantwortlich sind. Die Forscher konnten zeigen, dass in Regionen, in denen viele Menschen die beliebten TV-Serien schauen, die Geburtenraten besonders schnell sanken. Ihre Erklärung: Die Zuschauerinnen eiferten den weiblichen Heldinnen in den Serien nach, die oft keine Kinder hatten. Die Serien waren laut den Ökonomen ein entscheidender Grund dafür, dass sich jahrhundertealte gesellschaftliche Normen in Brasilien plötzlich geändert haben und Großfamilien inzwischen nicht mehr als Ideal gelten.

Eine neue Studie aus den USA hat nun einen ähnlichen Effekt aufgedeckt. Die Ökonomen Melissa Kearne und Phillip Levine haben sich angeschaut, wie sich die MTV-Serie „16 and Pregnant“ auf das Sexualverhalten von Jugendlichen auswirkt. In dem Reality-TV-Format wird der Alltag von Jugendlichen gezeigt, die gerade ein Kind bekommen haben: Während die Freunde feiern gehen, müssen die 16-jährigen Eltern Windeln wechseln und Brei anrühren. Kearne und Levine beobachteten zunächst Suchanfragen bei Google und Nachrichten bei Twitter. Als eine neue Folge von  „16 and Pregnant“ im Fernsehen lief, wurden besonders häufig Begriffe wie „Abtreibung“ oder „Verhütungsmittel“ gesucht, stellten sie fest. Und 18 Monate nach dem Start der Serie gab es tatsächlich messbar weniger Teenager-Schwangerschaften in den USA. Die Ökonomen schätzen, dass die Serie die Zahl der Teenager-Schwangerschaften um rund sechs Prozent reduziert habe.

Ob der Effekt von „16 and pregnant“ wirklich so groß war, ist allerdings schwer zu bestimmen. Dafür müsste man erst detaillierte Umfragen unter den jugendlichen Zuschauern machen. Aber die Ergebnisse der Studie sind auf jeden Fall interessant und zeigen erneut, dass Fernsehserien oft mehr bewirken können als großangelegte Aufklärungskampagnen. Das ist auch für die Entwicklungshilfe eine wichtige Erkenntnis, denn in vielen Entwicklungsländern sind Teenager-Schwangerschaften und hohe Geburtenraten ein großes Problem.

Hier gibt es die Studie „Media Influences on Social Outcomes: The Impact of MTV’s 16 and Pregnant on Teen Childbearing“ zum Download.