Warum auf Klimagipfeln über das völlig Falsche verhandelt wird

Seit zwei Wochen sitzen in Paris die Vertreter aus 195 Staaten zusammen und verhandeln über ein internationales Klimaschutzabkommen. Die letzten UN-Klimagipfel endeten regelmäßig mit einer großen Enttäuschung: Jedes Mal war es unmöglich, ein bindendes und für möglichst viele Länder geltendes Abkommen zu schließen, mit dem der Klimawandel begrenzt werden könnte. Wird in Paris nun alles anders? Nein, sagen drei Ökonomen. Auch der aktuelle Klimagipfel wird am Ende mit einer Enttäuschung enden, sagen sie voraus. Denn internationale Klimaverhandlungen seien in ihrer aktuellen Form zum Scheitern verurteilt, schreiben sie in einem aktuellen Beitrag in der Zeitschrift „Nature“. Der Grund: Man verhandele über das völlig Falsche.

Bisher wird bei Klimagipfel vor allem über Einsparziele für das Treibhausgas Kohlendioxid verhandelt. Das erscheint auf den ersten Blick einleuchtend: Um das 2-Grad-Ziel zu erreichen, müssen die CO2-Emissionen sinken. Doch die drei Ökonomen um Axel Ockenfels von der Universität Köln schlagen vor, dass man die Klimaverhandlungen komplett umgestaltet: Statt über Einsparziele zu verhandeln, sollte man versuchen, sich auf einen globalen Preis zu einigen, der bei CO2-Emissionen fällig wird. Wenn alle Länder diesen Preis umsetzen würden, müssten Kohlekraftwerke oder Aluminiumwerke überall auf der Welt den gleichen Betrag pro Tonne CO2 bezahlen und hätten damit einen starken Anreiz, in klimaschonende Technologie zu investieren.

Vor allem aber hätte ein CO2-Preis aus verhandlungstechnischer Sicht mehrere Vorteile, so die Ökonomen. Anders als bei Einsparzielen, ist es hier möglich, eine Lösung zu finden, die für alle Länder gleichermaßen gilt. Das verringert eines der größten Problem bei internationalen Verhandlungen: das Trittbrettfahrer-Problem.

Das Problem des Trittbrettfahrens, auf Englisch „free riding“, ist eines der klassischen Konzepte der Spieltheorie. Es beschreibt eine Situation, in der es eine gemeinsame, frei zugängliche Ressource gibt, von der alle profitieren, für die aber keiner zahlen will. Weil niemand von der Benutzung ausgeschlossen werden kann, versucht jeder, sich um seinen Beitrag zu drücken und hofft, dass die anderen schon zahlen werden. Weil im Extremfall alle so denken, zahlt am Ende aber niemand mehr seinen Beitrag. Genau das ist in den vergangenen Jahren bei Klimagipfeln regelmäßig passiert.

Weil bei einem CO2-Preis alle Teilnehmer des Abkommens genau sehen können, wer mitmacht und wer nicht, sei das Trittbrettfahrer-Problem dabei deutlich kleiner, argumentierten die Ökonomen. Bei individuellen Einsparzielen, die auf komplexen Formeln beruhen, sei es schwer zu sagen, ob ein Land tatsächlich die CO2-Emissionen reduzieren will oder den eigenen Beitrag künstlich hochrechnet. „Paris setzt auf hunderte, selbstdefinierte und unvergleichbare Pläne der Staaten“, sagt Axel Ockenfels. „So schafft man vielleicht Misstrauen, aber keine Kooperation.“

Verbinden könnte man den CO2-Preis mit dem bereits beim Klimagipfel 2010 in Cancun beschlossenen Klimafonds, schlagen die Ökonomen vor. Der Fonds könnte zum Beispiel eingesetzt werden, um möglichst vielen Schwellen- und Entwicklungsländern einen Anreiz zu geben, bei dem globalen Preissystem mitzumachen. Nur wer den CO2-Preis umsetzt, bekäme dann Geld aus dem Klimafonds. Außerdem seien auch Sanktionen denkbar, wenn einige Länder, den Preis nicht erheben wollen, so die Ökonomen. William Nordhaus, Klimaökonom an der Yale Universität, schlägt zum Beispiel bereits seit einiger Zeit vor, Trittbrettfahrer mit Handelssanktionen wie zum Beispiel Strafzöllen zu belegen.

So könne ein globales Klimaabkommen tatsächlich funktionieren, sagen die Ökonomen. Und auch wenn in Paris die Verhandlungen momentan wieder nach dem bisherigen Schema laufen, glauben sie, dass ihre Ideen in Zukunft Gehör finden könnten. “Ich habe das Gefühl, dass generell die Bereitschaft wächst, über alternative Ansätze nachzudenken”, sagt Axel Ockenfels. Erst Recht, wenn auch der Klimagipfel Paris dann doch wieder so enttäuschend endet wie seine Vorgänger.

Hintergrundinformationen zum Vorschlag der Ökonomen gibt es auf der Webseite carbon-price.com.

Tablettenfälschern auf der Spur

Wer in Deutschland oder in einem anderen Industrieland in eine Apotheke geht, kann sicher sein, dass in den Tabletten, die dort verkauft werden, auch das drin ist, was draufsteht. In vielen Entwicklungsländern ist das leider nicht der Fall. Medikamentenfälschungen sind in weiten Teilen der Welt ein großes Problem. Im besten Fall ist ein gefälschtes Medikament einfach wirkungslos, doch manchmal sind die Fälschungen auch verunreinigt und können damit gefährlich für die Käufer werden.

Fälschungen bei Medikamenten zu erkennen, ist oft schwierig. Von außen sieht man einer Tablette oder Pille nicht an, ob sie einen Wirkstoff enthält oder nicht. Vier Ökonomen aus den USA haben in einer Studie nun versucht, die Identifikation von Fälschungen zu erleichtern – in dem sie herausfinden, welche Pharmafirmen sie in Umlauf bringen. Dafür untersuchten sie zunächst, wo besonders viele gefälschte der wirkungslose Medikamente auf dem Markt sind. In mehreren afrikanischen Entwicklungsländern sowie großen Schwellenländern wie Russland, China und Indien kauften sie Insgesamt 1470 Antibiotika und Tuberkulose-Medikamente und nahmen sie in einem Labor unter die Lupe. Zehn Prozent der Medikamente enthielten tatsächlich gar keinen oder nur eine sehr geringe Dosis des Wirkstoffs. Als die Ökonomen verglichen, in welchen Ländern ihnen besonders viele Fälschungen verkauft worden waren, stellten sie fest, dass es große Unterschiede zwischen den afrikanischen Ländern in ihrer Studie und den übrigen Staaten, vor allem Indien, gab. Diesem Hinweis gingen die Ökonomen weiter nach und kamen bei einer genaueren Analyse der Daten zu einem Verdacht: Ein Großteil der Medikamente ohne Wirkung schien von indischen Herstellern zu stammen. Auf dem Heimatmarkt verkauften sie demnach echte Tabletten, doch für den Export in Entwicklungsländer vor allem in Afrika verwendeten sie Fälschungen verwenden – so zumindest der Verdacht der Ökonomen.

Bisher ist das allerdings nur das: ein Verdacht. Er ergibt sich einzig aus der statistischen Auswertung der Daten. Für die Ergebnisse der vier Ökonomen könnte es auch eine andere Erklärung geben. Doch mit ihrer aufwendigen Studie haben sie eine neue Spur bei den Ermittlungen gegen Medikamenten-Fälscher aufgedeckt.

Die Studie “Poor Quality Drugs and Global Trade: A Pilot Study” gibt es hier zum Download.

Kann ein legaler Markt für Elfenbein Elefanten retten?

Sie kamen mit Hubschraubern und Kettensägen und ließen ihren Opfern keine Chance. Im Garamba Nationalpark in der Demokratischen Republik Kongo wurden in den vergangenen zwei Monaten 68 Elefanten von Wilderern getötet, berichtet die Tierschutzorganisation „International Fund for Animal Welfare“ auf ihrer Internetseite. Allein innerhalb von zwei Wochen erlegten die Wilderer 30 Tiere und sägten ihnen die Stoßzähne ab. Leider ist das ein ziemlich gutes Geschäft. Ein Kilo Elfenbein ist je nach Verarbeitung bis zu 7000 Dollar wert und Elefanten sind daher für viele eine lukrative Einnahmequelle. Terroristengruppen wie Boko Haram und Al-Shabab finanzieren ihre Attacken zum Beispiel mit dem Verkauf von Elfenbein, teilweise werden die Stoßzähne direkt in Munition umgetauscht.

Angesichts von derartigen Massakern fordern einige Ökonomen seit langem eine neue Herangehensweise im Kampf gegen Wilderer. Zum einen sollen die Tiere besser geschützt werden, zum Beispiel durch leichter zu kontrollierende Schutzgebiete und mehr Ranger. Aber auch an einer anderen Stelle würden Ökonomen gerne ansetzen: Den Markt für Güter wie Elfenbein, Nashorn-Hörner und Tigerknochen manipulieren. Eine, allerdings sehr umstrittene, Idee dabei ist, den Handel mit solchen Gütern zum Teil zu erlauben. Dahinter steckt die gleiche Argumentation wie bei der Legalisierung von Cannabis: Durch ein großes legales Angebot den Preis so weit senken, dass sich das Geschäft für Kriminelle nicht mehr lohnt. Weil bei Gütern aus Wilderei wie bei Drogen die Nachfrage hoch und das Angebot niedrig ist, steigen die Preise. Kokain-Dealer und Wilderer lassen sich gut dafür bezahlen, dass sie für die Beschaffung der Waren Gesetze brechen und ihr Leben riskieren. Die hohen Preise führen wiederum dazu, dass der Drogenhandel und die Wilderei ein lukratives Geschäftsfeld sind und sich professionelle Organisationen bilden, die viel Geld ausgeben können. Zum Beispiel um sich Hubschrauber und Scharfschützengewehre für die Elefantenjagd zu leisten.

Dieser Mechanismus könnte durch einen legalen Handel mit Elfenbein und anderen Waren von bedrohten Tieren durchbrochen werden, glauben Ökonomen wie Michael’t Sas-Rolfes und Timothy Fitzgerald. Bei Nashörnern ist es zum Beispiel möglich, einen Teil des Horns zu entfernen, ohne dass es dem Tier schadet, da er wieder nachwächst. Bei Elefanten geht das nur bedingt, allerdings gibt es noch viel Elfenbein, das in Lagern von Regierungen hauptsächlich in Afrika und Asien liegt. Würde dieses Angebot auf den Markt kommen, würde der Preis einbrechen und es würde sich für Wilderer nicht mehr lohnen, mit Hubschraubern in den Garamba Nationalpark zu fliegen.

Der Plan hat allerdings einige Schwächen. Die wichtigste: Eine Legalisierung könnte die Nachfrage nach Elfenbein weiter erhöhen, wenn der Kauf nicht mehr strafbar ist. Ob es wirklich so kommen würde, ist nicht klar. Viele Tierschützer wollen dieses Experiment aber lieber nicht wagen. Auf der anderen Seite scheint auch klar: Viel schlimmer als jetzt kann es nicht mehr werden.

In der Studie „Can a Legal Horn Trade Save Rhinos?“ erklären die Ökonomen Michael’t Sas-Rolfes und Timothy Fitzgerald ihre Idee. Hier gibt es sie zum Download.

Die Vermessung der Korruption

Die OECD hat in dieser Woche eine sehr lesenswerte (und gut aufbereitete) Studie zum Thema Korruption veröffentlicht, die noch dazu eine wichtige Lücke füllt: Die Ökonomen der Organisation haben zum ersten Mal zuverlässige Zahlen zum Umfang der Korruption ermittelt. Bisher wusste man erstaunlich wenig über Bestechung. Wer wen womit und wofür besticht – darüber gab es wenig verlässliche Zahlen. Wie bei vielen kriminellen Wirtschaftsaktivitäten ist es auch bei Korruption schwer, an Daten zu kommen. Korrupte Unternehmen und Beamte sind sehr kreativ, wenn es darum geht, Schmiergeldzahlungen zu verschleiern. In den vergangenen Jahren sind aber zahlreiche Bestechungsfälle aufgedeckt worden, die einen Einblick in die Mechanismen der Korruption erlauben. Die Ökonomen der OECD haben 427 Fälle aus der Zeit zwischen 1999 und 2014 ausgewertet und dabei einige wichtige Entdeckungen gemacht.

Besonders korrupte Branchen sind zum Beispiel die Rohstoffgewinnung und der Bausektor. In mehr als ein Drittel der untersuchten Fälle waren es Unternehmen aus diesen beiden Sektoren, die Schmiergelder zahlten, meistens um an öffentliche Aufträge zu kommen. Verantwortlich für die Zahlungen waren häufig Manager aus der mittleren Management-Ebene, zeigt die Auswertung. Nur in 12 Prozent Fälle war auch der Chef eines Unternehmens Teil des korrupten Netzwerks. Um die Spur des Schmiergeldes zu verwischen, wickelten 75 Prozent der Unternehmen die Zahlungen über Zwischenmänner ab.

Eine weitere interessante Erkenntnis aus der Studie: Nur zwei Prozent der untersuchten Bestechungsskandale wurde durch die Informationen von Whistleblowern aufgedeckt. System zum Schutz und zur Ermutigung von Whistleblowern gelten momentan als so etwas wie eine Geheimwaffe gegen Korruption. Die OECD-Studie zeigt aber, dass andere Instrumente besser funktionieren: Die meisten Schmiergeldzahlungen werden bei internen Ermittlungen oder der Überprüfung der Bilanz während einer Übernahme oder Fusion entdeckt.

Für den Kampf gegen Korruption sind derartige Studien sehr wertvoll, denn sie zeigen, wo Ermittler genauer hinschauen sollten. Und sie helfen dabei, abschreckende Strafen zu entwickeln. Die OECD-Ökonomen haben auch zusammengetragen, wie viel Schmiergeld in den untersuchten Fällen geflossen ist. Abgesehen von einigen Ausreißern (in einem Fall wurden gerade mal rund 13 Dollar gezahlt, in einem anderen dafür gleich 1,4 Milliarden), lag die typische Bestechungssumme etwa bei einer Million Dollar. Meistens entsprach das rund zehn Prozent des Budgets des gesamten Projekts, bei dem bestochen wurde. Dass sie bereit sind so viel auszugeben, zeigt, dass Unternehmen eine wertvolle Gegenleistung für ihr Schmiergeld bekommen. Damit sie sich durch potenzielle Strafen abschrecken lassen, müssten diese deutlich höher sein als die möglichen Gewinne aus Korruption.

Die Studie gibt es hier zum Download: “OECD Foreign Bribery Report 2014″

Ein Tauschring für Lungenlappen

Der US-Amerikaner Alvin Roth ist seit einigen Jahren einer der großen Stars unter Ökonomen. Das liegt vor allem daran, dass jeder den Sinn seiner Forschung versteht, was bei Ökonomen ja schon viel wert ist. Alvin Roth hat ein System entwickelt, mit dem Patienten mit unheilbaren Nierenkrankheiten eine passende Spenderniere finden können. Damit hat Roth vielen Menschen das Leben gerettet. Das können nur wenige Ökonomen von sich behaupten. Für diese Leistung bekam er 2011 den Ökonomie-Nobelpreis.

Wenn über Alvin Roth berichtet wird, wird eine Sache jedoch oft vergessen: Seine Kollegen. Er hat das Modell für die Verteilung von Spendernieren nicht alleine entwickelt, sondern dabei mit den beiden Ökonomen Tayfun Sönmez und Utku Ünver zusammengearbeitet. Zusammen sind sie die prominentesten Vertreter einer noch relativ jungen Unterdisziplin der Wirtschaftswissenschaften, dem Marktdesign. Dabei entwerfen Ökononen neue Märkte um knappe Güter zu verteilen, wie zum Beispiel Spenderorgane.

Sönmez und Ünver haben das zusammen mit Alvin Roth vor zehn Jahren entwickelte Modell nun weiter entwickelt und gezeigt, dass es nicht nur Menschen helfen kann, die eine neue Niere benötigen, sondern auch bei anderen Krankheiten helfen kann. Zum Beispiel bei Mukoviszidose. Patienten, die an Mukoviszidose leiden, haben häufig Lungeninfektionen. Durch die Infekte wird die Lunge stark geschädigt und kann weniger Sauerstoff aufnehmen. Helfen kann die Transplantation eines Lungenlappens, doch solche Transplantationen finden bisher nur selten statt. Der Grund: Bisher stammen die Lungenlappen für Transplantationen meistens von Verstorbenen und wie bei anderen Organen gibt es zu wenige Spender. Die Wartelisten für Lungenlappen sind ähnlich lang wie die für Spendernieren oder Spenderlebern. Viele Patienten sterben, bevor es für sie ein passendes Organ gibt.

Lungenlappen können jedoch auch von Spendern stammen, die noch leben. Jeder Mensch hat fünf Lungenlappen, drei im im rechten Lungenflügel und zwei im linken. Einem gesunden Menschen reichen eigentlich drei, daher könnte er zwei Lungenlappen spenden. Das passiert auch schon, zum Beispiel wenn Verwandte für Angehörige mit Mukoviszidose spenden. Damit eine Organtransplantation funktioniert, müssen aber Spender und Empfänger zusammenpassen, unter anderem bei der Blutgruppe. Das ist leider selbst bei nahen Verwandten oft nicht der Fall und hier kommt das von den Ökonomen Roth, Sönmez und Ünver entwickelte System ins Spiel, das ursprünglich für Nierentransplantationen gedacht war.

Bei Nieren ist es ähnlich wie bei Lungenlappen. Gesunde Menschen können auch eine ihrer zwei Nieren spenden, vorausgesetzt die Blutgruppe passt. Wenn jedoch nur nahe Verwandte als Spender in Frage kommen, ist die Wahrscheinlichkeit, ein passendes Organ zu finden gering. Die Ökonomen versuchen daher, den Kreis der potentiellen Spender zu vergrößern. Ihre Idee: Ein so genannter Ringtausch. Dabei tragen sich potenzielle Organspender und Patienten, die auf ein Spenderorgan warten, zunächst in eine Datenbank ein und geben dabei ihre Blutgruppe an. Eine Software arbeitet sich dann durch die Datenbank und versucht Paare aus Spender und Patienten zu finden, bei denen die Blutgruppe übereinstimmt. Wenn zum Beispiel ein Ehemann seiner kranken Frau eine Niere spenden würde, aber die Blutgruppe nicht passt, sucht die Software ein anderes Paar, bei dem es genau so ist, die Blutgruppe aber zum jeweils anderen Patienten passt. Der Mann aus dem ersten Paar spendet seine Niere dann nicht seiner Frau, sondern der Frau des anderen Paares, die die gleiche Blutgruppe wie er besitzt. Im Gegenzug spendet der Mann des zweiten Paares seine Niere der Frau des ersten, weil auch diese Blutgruppen zusammenpassen. So haben am Ende beide Spender ein Organ gespendet und beide Patientinnen eine neue Niere. Und das, obwohl die Blutgruppen von Spender und Patientin bei beiden Paaren am Anfang nicht zusammenpassten.

Bei Lungenlappen könnte ein Ringtauschsystem ganz ähnlich funktionieren, schreiben die beiden Forscher Sönmez und Ünver in ihrer neuen Studie. Sie haben die Algorithmen, die die perfekte Kombination aus Spender und Empfänger berechnen, etwas angepasst und ermöglichen so theoretisch riesige Ringtausch-Netzwerke. Dadurch könnte die Zahl der Lungenlappenspenden enorm steigen. Mindestens doppelt so viele Lungenlappen-Transplantationen könnten in den USA durchgeführt werden, wenn man ihr System anwenden würde, schreiben die Ökonomen. Bei Spendernieren ist der Erfolg des Systems bereits beeindruckend: Zwischen 2006 und 2010 ist die Zahl der Nierentransplantationen in den USA von 93 auf 553 gestiegen.

Die Studien von Tayfun Sönmez und Utku Ünver gibt es hier zum Download. Und hier erklärt Alvin Roth in einem kurzen Vortrag einige Hintergründe der Forschungsdisziplin Marktdesign, und warum es für bestimmte Güter keine Märkte geben darf.

Wie eine Versicherung Leben retten und Kriege verhindern kann

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) wurde mal die “dümmste Bank Deutschlands” genannt, als sie 2008 der bereits insolventen US-Bank Lehmann Brothers noch mal schnell 320 Millionen Euro überwies. Eines ihrer neuesten Projekte ist aber ziemlich schlau. Die staatliche Entwicklungsbank unterstützt mit 50 Millionen Euro den Start einer neuen Versicherungsgesellschaft mit sperrigem Namen: der Africa Risk Capacity Agency Insurance Company (ARC). Die ARC soll eine neue Versicherung verkaufen, mit der sich Staaten in Afrika gegen lange Dürreperioden absichern können.

Wenn der Regen ausbleibt, ist das für viele Länder in Afrika, in denen ein Großteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeitet, eine Katastrophe. Dürren führen jedes Jahr zu Hungersnöten und kosten viele Menschen das Leben. Die Idee hinter der neuen Versicherung: Kommt es in einem Land zu einer anhaltenden Dürre, zahlt die Versicherung einen vorher festgelegten Betrag aus, mit dem die Regierung Hilfsprogramme finanzieren kann. Wie viel Geld es genau gibt und wofür es ausgegeben werden darf, verhandeln die Staaten beim Abschluss der Versicherung. Organisiert wird die ARC vom World Food Programm und der Afrikanischen Union. Neben der KfW gibt auch das britische Entwicklungshilfeministerium Startkapital.

Das Konzept für eine Dürreversicherung gibt es schon länger. Die Ökonomen Raymond Fisman und Edward Miguel hatten diese Idee bereits vor fünf Jahren. Sie nannten ihr Model “Rapid Conflict Prevention Support” und wollten es vor allem dafür einsetzen, Bürgerkriege zu verhindern. Sie hatten mehrere Kriege in afrikanischen Ländern analysiert und festgestellt, dass die Kämpfe oft nach einer langen Dürre oder ähnlichen Naturkatastrophen begannen. Wenn ihre Ernte durch eine Dürre zerstört werde, seien Bauern eher dazu bereit, sich einer Rebellengruppe anzuschließen, weil sie nichts mehr zu verlieren hätten, schlussfolgerten Fisman und Miguel. Mit einer Versicherung, die im Fall einer Dürre Hilfsprogramme für die Bauern finanziert, könnte man dafür sorgen, dass Rebellengruppen nicht mehr so leicht Rekruten finden und Bürgerkriege stoppen. Lange fand sich allerdings weder ein Versicherungsunternehmen noch eine Hilfsorganisation, die eine solche Versicherung anbieten wollten. Das ändert sich nun mit der ARC. Geholfen haben dürfte dem neuen Projekt auch die Unterstützung des Ökonomie-Nobelpreisträgers Robert J. Shiller, der zuletzt beim Weltwirtschaftsforum in Davos kräftig Werbung gemacht hat.

Die ARC will bald die ersten Versicherungsverträge abschließen. Wenn es dann zur nächsten Dürre kommt, muss sich zeigen, ob die Idee der Ökonomen in der Realität funktioniert.

Lesetipp: Korruption und Ideologie

Wie passt das zusammen? Auf der einen Seite klauen und betrügen und auf der anderen Seite, die angebliche moralische Überlegenheit gegenüber dem verkommenen und unehrlichen Westen zelebrieren? Ob in Russland, der Türkei oder China: Oft sind es die die korruptesten Regime der Welt, die in ihrer Ideologie Moral und Gerechtigkeit betonen. Im Economist gibt es zu diesem Widerspruch einen sehr lesenswerten Essay:

Corruption and ideology: Because we’re worth it

Die teure Heimatliebe der Mächtigen

Wie geht es eigentlich den Menschen in der Uckermark? Nicht besser als dem Rest Deutschlands und das ist ein gutes Zeichen. Immerhin kommt die mächtigste Frau der Welt hierher: die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Aufgewachsen ist sie in dem Städtchen Templin, 80 Kilometer nördlich von Berlin. Noch immer macht Merkel in der brandenburgischen Provinz gerne Urlaub. Doch davon abgesehen setzt sich die Bundeskanzlerin nicht besonders für ihre Heimat ein. Andere Regierungschefs sehen das nicht so streng und nutzen ihre Macht, um viel Geld in ihre Heimatregionen zu schleusen. Wie groß dieses Problem ist, haben die Ökonomen Roland Hodler (Universität St. Gallen) und Paul Raschky (Monash Universität Melbourne) für eine aktuelle Studie recherchiert.

Ein berüchtigtes Beispiel ist der ehemalige Diktator von Zaire, Mobutu Sese Seko. Er ließ in seinem Heimatort Gbadolite, einer abgelegenen Dschungel-Enklave, einen riesigen Flughafen, mehrere Paläste und die beste Strom- und Wasserversorgung des ganzen Landes errichten. Die Recherche von Hodler und Raschky zeigt, dass Mobutu leider keine Ausnahme war, und viele Staatschefs eine ausgeprägte Heimatliebe pflegen. Die beiden Ökonomen werteten für ihre Studie Daten aus 126 Ländern aus. In jedem Land analysierten sie, wie sich die Wirtschaft in der Heimatregion des Staatschefs nach dessen Amtseinführung entwickelt hat. Dabei schauten sie nicht nur auf das Bruttoinlandsprodukt, sondern auch auf Satellitenfotos der entsprechenden Regionen bei Nacht. Darauf konnten sie erkennen, wie hell eine Region leuchtet. Je mehr Licht, desto reicher ist die Region, nahmen die Forscher an. Denn wo Licht brennt, gibt es zumindest schon mal Strom, und außerdem leuchten industrielle Zentren mit vielen Fabriken oft besonders hell, da sie auch nachts arbeiten. Tatsächlich zeigen mehrere Studien, dass zwischen nächtlicher Beleuchtung und Wirtschaftskraft ein Zusammenhang besteht. Vor allem in Ländern, in denen die offiziellen Wirtschaftsstatistiken unzuverlässig sind, liefern Satellitenfotos daher oft ein realistischeres Bild der Wirtschaft.

Doch egal, ob sie sich die offiziellen Wachstumsraten oder die Satellitenfotos anschauten, in beiden Fällen fanden die Ökonomen klare Hinweise auf Staatschefs, die ihren ehemaligen Nachbarn etwas Gutes tun wollten. Nach der Amtseinführung stieg das BIP in der Heimatregion eines Staatschefs im Durchschnitt um ein Prozent und die Beleuchtung bei Nacht um vier Prozent. Mit jedem Jahr, in dem der Politiker an der Macht blieb, wurde der Effekt größer. Am besten ging es der Heimat des Staatschefs zwölf Jahre nach dessen Amtsantritt. In Ländern, in denen es keine funktionierenden Institutionen wie etwa eine unabhängige Justiz gab und das Bildungsniveau niedrig war, profitierten die Heimatregionen des Regierungschefs zudem deutlich stärker als in demokratischen, entwickelten Nationen, konnten die Ökonomen zeigen.

Ihre Studie ist ein eindrucksvoller Nachweis einer oft vernachlässigten Form von Korruption und Unterschlagung. Denn das Geld, dass in die Heimat des Staatschefs fließt, fehlt oft an Stellen, an denen es dringender benötigt würde.

 

Mikrokredite im Langzeittest

Diese Studie der Weltbank hat erstaunlich wenig Aufmerksamkeit bekommen. Vielleicht liegt es daran, dass ein Drittel der Weltbank-Studien ohnehin nie heruntergeladen werden, wie die Washington Post gerade herausgefunden hat. Doch diese sollte heruntergeladen und auch gelesen werden, denn es geht mal wieder um eines der Lieblingsthemen in der Entwicklungshilfe: Mikrokredite.

Ich habe hier ja bereits über die hitzige Diskussion über Mikrokredite geschrieben. Befürworter und Kritiker der Mini-Darlehen werfen sich seit Jahren die gleichen Argumente an den Kopf. Mikrokredite helfen den Armen, eigene Kleinunternehmen zu gründen und der Armut zu entkommen, sagen die einen. Falsch, sagen die anderen. Mikrokredite treiben die Armen nur in die Überschuldung, weil sie das Geld nicht produktiv einsetzen können. Oft belegen beide Seiten ihre Argumente sogar mit den gleichen Studien. Denn die lassen sich zum einen sehr unterschiedlich auslegen und haben außerdem eine sehr begrenzte Aussagekraft. Meistens wurden für diese Studien nur ein paar hundert Dorfbewohner in Indien oder Mexiko über einen Zeitraum von maximal fünf Jahren befragt. So lassen sich allenfalls mittelfristige Effekte messen und das auch nur in einem kleinen, nicht repräsentativen Gebiet.

Deswegen ist die neue Weltbank-Studie so interessant. Sie umfasst über 3000 Haushalte in 87 Dörfern in Bangladesch und deckt einen Zeitraum von 20 Jahren hab. Zwei Ökonomen der Weltbank haben sich durch diesen großen Datenberg gearbeitet, um endlich fundiertere Aussagen darüber machen zu können, wie Mikrokredite das Leben der Armen verändern. Ihre Ergebnisse sind ein Punktsieg für die Befürworter von Mikrokrediten. Die Darlehen haben in den Dörfern in Bangladesch dazu geführt, dass die Bewohner auch über einen langen Zeitraum ihren Konsum deutlich steigern konnten. Sie hatten also anscheinend durchaus Möglichkeiten, das Geld von der Bank für produktive Investitionen zu verwenden, die später dann ihr Einkommen erhöhten. Die Forscher konnten zum Beispiel zeigen, dass in Familien, die einen Mikrokredit aufgenommen hatten, Frauen deutlich häufiger eine Arbeit hatten als in Familien ohne Kredit. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass viele Frauen den Kredit dafür verwendeten, Haushaltsarbeit nicht mehr selber zu erledigen sondern die Wäsche in den Waschsalon zu bringen und fertiges Essen zu kaufen statt zu kochen. So hatten sie Zeit, sich eine Arbeit zu suchen, mit der sie genug Geld verdienten, um den Kredit wieder zurückzuzahlen. Ebenfalls ein wichtiges Ergebnis der Studie: Kinder, deren Eltern einen Mikrokredit aufgenommen hatte, gingen häufiger zur Schule und hatten so eine größere Chance, einen Schulabschluss zu machen und der Armut zu entkommen.

Die Weltbank-Studie zeigt, wie wichtig es ist, dass man die Wirkungen von Mikrokrediten über einen langen Zeitraum untersucht. Einen Schwachpunkt hat aber auch die neue Studie: Die beiden Ökonomen schauen sich wie viele vorher nur ein einziges Land an. Ob Mikrokredite in Indien genauso gut funktionieren wie in Bangladesch, ist unklar. Da es aber inzwischen in vielen Ländern Mikrokredit-Banken gibt, die oft schon seit Jahrzehnten Darlehen vergeben, werden hoffentlich bald ähnliche Langzeitstudien aus anderen Ländern veröffentlicht werden.

Warum steigende Lebensmittelpreise gut für die Armen sind

Auf ZEIT Online habe ich in dieser Woche über eine Arbeit des Entwicklungsökonomen Derek Headey geschrieben. Headey arbeitet beim International Food Policy Research Institute in Washington D.C. und forscht seit Jahren über Armut und Hunger. Er konnte unter anderem das so genannte “Asiatischen Rätsel” teilweise entschlüsseln, also die Tatsache, dass in Ländern wie Indien trotz eines rasanten Wirtschaftswachstums die Zahl der Menschen, die Hunger leiden, extrem hoch ist. Headey zeigt in mehreren Studien, dass die Diskriminierung von Frauen und Mädchen ein wichtiger Grund für den Hunger ist.

In seiner neuen Studie beschäftigt sich Headey auch mit Hunger und Armut: Er untersucht, wie sich die steigenden Nahrungsmittelpreise auf das Leben der Menschen in Entwicklungsländern weltweit ausgewirkt haben. 2008 und 2010 kam es zu Preisexplosionen auf den Märkten für Grundnahrungsmittel wie Getreide, Milchprodukte oder Feldfrüchte. Die Preise stiegen zum Teil um 200 Prozent und sind seitdem auf einem hohen Niveau geblieben. Oft wird behauptet, dass die hohen Lebensmittelpreise gerade für die Menschen in Entwicklungsländern eine Katastrophe sind, doch Derek Headey zeigt, dass das nicht immer stimmt.

Er stellte in seiner Studie fest, dass einige Zeit nach den großen Preissteigerungen die Armut in vielen Entwicklungsländern deutlich gesunken ist. Es gab immer weniger Menschen, die weniger als 1,25 Dollar am Tag in lokalen Preisen zur Verfügung hatten und damit nach der Definition der Weltbank als sehr arm gelten. Und Headey konnte mit statistischen Werkzeugen zeigen, dass zwischen den steigenden Lebensmittelpreisen und der zurückgehenden Armut tatsächlich ein direkter Zusammenhang bestand. Die Begründung dafür liegt nahe, wird aber in den Diskussionen um die hohen Lebensmittelpreise oft vergessen: Viele Arme arbeiten in der Landwirtschaft. Wenn die Preise für Nahrungsmittel steigen, erhöht sich auch ihr Einkommen, weil sie für ihre Waren mehr verlangen können.

Dass dieser Effekt so groß ist und sich schon nach kurzer Zeit in den Armutsstatistiken zahlreicher Entwicklungsländer zeigt, hat Derek Headey selbst überrascht. Er fordert daher, dass Regierungen auf keinen Fall Exportverbote erlassen sollten, wie es viele Entwicklungsländer nach den Preissteigerungen 2008 und 2010 etwa für Getreide gemacht haben. Denn wenn die Regierung den lokalen Markt abschottet, können die Kleinbauern und Landarbeiter nicht von den höheren Preisen profitieren. Um Hungersnöte zu verhindern, empfiehlt Headey ein anderes Gegenmittel: Subventionen.

Ökonomen mögen eigentlich keine Subventionen, aber im Fall von steigenden Lebensmittelpreisen seien sie absolut notwendig, so Headey. Denn erstens dauere es meistens mindestens mehrere Monate, bis die höheren Preise in Form von steigenden Einkommen bei den Armen ankommen. Und außerdem würden nicht alle profitieren. Wer in der Stadt lebt, spürt nur die schlechte Seite der steigenden Preise (das Brot wird teuerer) ohne von der guten Seite (höhere Einkommen in der Landwirtschaft) etwas zu haben. Diese kurzfristigen Effekte und Verteilungsprobleme könne man aber über Subventionen gut abmildern, schreibt Headey. Dann seien steigende Lebensmittelpreise tatsächlich eine überraschend gute Nachricht für die Armen.

Die Studie ”Food Prices and Poverty Reduction in the Long Run” gibt es hier zum Download.